Hinterland statt Pazifikküste – Die Reize des Highway 395 in Kalifornien

Jede, aber wirklich jede Kalifornien-Reiseroute hat den Pacific Coast Highway als festen Bestandteil zwischen Los Angeles und San Francisco. Eine nicht weniger spektakuläre Alternative findet sich im kalifornischen Hinterland, ganz unscheinbar hinter den mächtigen Massiven der Sierra Nevada…

Jede, aber wirklich jede Kalifornien-Reiseroute hat den Pacific Coast Highway als festen Bestandteil zwischen Los Angeles und San Francisco. Die Küstenstraße gilt nicht umsonst als eine der schönsten der Welt. Momentan ist sie nach einem verheerenden Erdrutsch noch bis weit ins Jahr 2017 hinein gesperrt. Was also tun?

Wir haben jetzt schon mehrfach eine Strecke erkundet, die für uns die perfekte Alternative darstellt und es ist nicht die Interstate 5, die die beiden Großstädte zweifellos auf dem schnellsten Weg verbindet. Landschaftlich bietet der mehrspurige Freeway-Schlauch durch die Agrar-Region Kaliforniens aber nicht wirklich was für’s Auge. Wer also zumindest ein bisschen Zeit mitbringt, sollte die Fühler gen Osten ausstrecken und zwar ins Hinterland der Sierra Nevada, die eben jenen Agrar-Streifen von der ebarmungslosen Wüste Nevadas trennt. Hier verläuft der U.S. Highway 395, der sich von der Mojave Wüste bei Los Angeles über eine Länge von rund 2100 Kilometern durch 4 Bundesstaaten bis an die kanadische Grenze zieht.

Wer aber nur bis San Francisco will, kann problemlos beispielsweise auf Höhe vom Mono Lake über den Tioga Pass Richtung Yosemite National Park abbiegen oder bis Reno, Nevada durchziehen und von dort die Interstate 80 nach San Francisco nehmen. Somit eignet sich die 395 als Roadtrip Hack, wenn man seine Route mit ein wenig Backroad-Romantik aufwerten will. Die Fahrt von der Mojave Wüste ins immer enger werdende Gebirgstal mit der mächtigen Sierra Nevada auf der linken Seite und den scharfkantigen Felsformationen des Death Valleys auf der anderen, könnte landschaftlich nicht abwechslungsreicher sein.

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20160928_205019Unbedingt anhalten sollte man im verschlafenen Lone Pine am Fuße des Mount Whitney, des mit 4421 Metern höchsten Berges in Kalifornien. Hier kann man sich im urigen, klassisch amerikanischen Mt. Whitney Restaurant mit einem deftigen Burger stärken, bevor man etwa einen Abstecher in die nahen Alabama Hills macht. Die Felsformationen, die im Vorfeld der Sierra Nevada fast wie Spielzeug-Stein-Hügel wirken, gelten geographisch als eigenständiger Gebirgszug und laden auch auf kurzen Stopps zum Erkunden ein. Wer etwas mehr Zeit hat, kann sich auf die Suche nach zahlreichen sog. Arches machen, also Steinbögen die durch Erosion entstanden sind und im Südwesten der USA regelrechte Attraktionen darstellen.

Weiter nach Norden fährt man an der Grenze des Kings Canyon National Park entlang. Eine Straßenverbindung in das weitläufige Naturschutzgebiet in Richtung Westen gibt es nicht. Wer von hier wieder nach San Francisco will, muss zwangsläufig entweder fast 200 Kilometer nach Norden fahren, bevor der Tioga Pass die Sierra Nevada passierbar macht (aber auch nur in den Sommermonaten) oder eben wieder die gleiche Strecke zurück nach Süden – mehr Hinterland geht also kaum!

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Auch ohne National Parks bietet die Strecke atemberaubende Berg-Landschaften an jeder Ecke. U.a. passiert man auch die Mammoth Lakes-Region, die neben der Lake Tahoe-Area wohl das beliebteste Ski-Gebiet in Kalifornien darstellt.

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Weiter nördlich wartet der zauberhafte Mono Lake mit seinen bizarren Kalk-Skulpturen darauf, entdeckt zu werden. Die einzigartigen Monumente wurden erst sichtbar, als man mit einer 520 Kilometer langen Wasserleitung den See als Trinkwasser-Lieferant für Los Angeles auserkoren hatte und der Wasserspiegel dementsprechend dramatisch sank. Die Entwicklung ist dank der Bemühungen Gott sei Dank gestoppt. Die gravierende Austrocknung des Sees kann man vor Ort anhand verschiedener Wasserstands-Marker erahnen. Wo in den 50er-Jahren noch Wasser war, geht man heutzutage noch 200-300 Meter zum Seeufer.

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Nichtsdestotrotz ist der Mono Lake einer dieser magischen Orte am Highway 395, in die man sich augenblicklich verliebt und zu denen man immer zurück kommen will. Mit dem mächtigen Bergmassiv des Yosemite National Parks im Hintergrund und der spiegelnden Wasserfläche des Mono Lakes im Vordergrund, könnten die Kontraste nicht beeindruckender sein. Zwischen den bizarren Kalktürmen, die die Anwohner „Tufas“ nennen, könnte man stundenlang hindurchwandern oder einfach nur am Seeufer sitzen und das gigantische Panorama genießen.

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Der Versuch eines Panoramas auf den Mono Lake…

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Vom Grizzly bewacht: das schmucke Lee Vining direkt am Mono Lake

Das nahe Lee Vinning bietet sich als malerisches Städtchen mit Seeblick für eine Mittagspause oder eine kostspielige Übernachtung an. Das gilt übrigens für den gesamten Highway 395. Ob Lone Pine, Lee Vining oder die hochpreisige Lake Tahoe-Region – für Übernachtungen muss man hier überall tief in die Tasche greifen. Erstaunlicherweise erweist sich das Ski-Resort bei den Mammooth Lakes zumindest in den Sommermonaten als Geheimtipp für etwas günstigere Übernachtungspreise. Ganz billig ist es zwar auch hier nicht, aber man bezahlt keine 3-stelligen Beträge für heruntergekommene Motels, sondern recht annehmbare Hotels.
Beim Mono Lake zweigt übrigens auch der Highway 120 zum Tioga Pass ab, der durch den Yosemite Nationa Park auf relativ direktem Wege Richtung San Francisco führt. Da die Straße auf Höhen jenseits der 3000 Meter führt, ist der Pass nur zwischen Mai/Juni und Oktober/November geöffnet. Wer in den kälteren Monaten unterwegs ist, muss daher gewaltige Umwege in Kauf nehmen.

Einige Meilen weiter nördlich passiert man die unscheinbare Abfahrt in die Geisterstadt Bodie, die man unbedingt gesehen haben sollte. Die 1859 entstandene Goldgräbersiedlung ist seit den 1930er Jahren unbewohnt und dank des trockenen Klimas noch erstaunlich gut erhalten. Sie gilt bis heute als besterhaltene Geisterstadt der USA und war zu ihren besten Zeiten eines der rauhesten Pflaster im Südesten. Über 10.000 Menschen lebten damals hier, es gab 65 Saloons, viele Bordelle und sogar ein eigenes Chinesenviertel.

Heute bevölkern nur noch interessierte Touristen das weitläufige Terrain, nachdem sie die fast 20 Kilometer lange, staubige Zufahrtsstraße gemeistert haben. Zwischen den gut erhaltenen Gebäuden, von denen teilweise noch die Innen-Einrichtung erhalten ist, kann man gut und gerne 2 Stunden umherspazieren und dabei faszinierende Fotos schießen. Während wir in Europa an die Monumente vergangener Zivilisationen inmitten unserer Großstädte gewöhnt sind, findet man sie in Amerika in der unendlichen Wildnis des Südwestens.

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Von hier aus geht es weiter durch breite, bewachsene Bergtäler über die Grenze nach Nevada. Auf dem Weg durchquert man das schmucke Städtchen Carson City und hat die Gelegenheit zu einem Abstecher an den berühmten Gebirgs-See Lake Tahoe, der mit 501 Metern der zweittiefste in den USA ist. Zu diesem Touristen-Punkt haben wir es aber  bisher auch noch nicht geschafft…steht noch auf der Liste! 😉

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Der nördlichste Bereich des Highway 395, den wir bisher erkundet haben, ist der kleine Bruder von Las Vegas, nämlich Reno, wo man übrigens sehr günstig übernachten kann. Von der Infrastruktur (großes Siedlungsgebiet mit einem auffälligen Casino-Zentrum) her durchaus mit Las Vegas vergleichbar, gleicht die Atmosphäre aber eher der in Bodie. Selbst in der Hauptstraße von Reno finden sich nur einige zwielichte Gestalten, ansonsten sieht man keinen Menschen weit und breit, Autos rollen nur sporadisch durch die bröckelnde Glitzerwelt. In den altbackenen Casinos, die alle in den 1980ern stehen geblieben sind, ist ein bisschen mehr los, aber auch hier kein Vergleich mit dem großen Bruder. Für einen günstigen Übernachtungs-Stopp und eine Ghost-Town-Erfahrung der etwas anderen Art ist das durchaus okay, aber länger muss man hier definitiv nicht bleiben. Die Zeit nutzt man besser, in dem man das wunderschöne Umland erkundet!


Der Highway 395 ist eine der schönsten Straßen im Westen der USA und hängt das nicht mal an die große Glocke. Über weite Strecken erweist sich die Straße als Geheimtipp mit einmaligen Natur-Panoramen, vielen kleinen (leider auch teuren) Western-Städtchen und besonderen Highlights wie etwa die Ghost Town Bodie oder der unverwechselbare Mono Lake. Das Erlebnis mit der langsam hinter der Sierra Nevada untergehenden Sonne dem nächsten Etappenziel entgegen zu fahren, ist unvergleichlich und sollte in jedem US-Road-Trip ausgiebig zelebriert werden!

  1. […] Bereits vor einiger Zeit haben wir über eine andere recht unbekannte Traumstraße berichtet: Hinterland statt Pazifikküste – Die Reize des Highway 395 in Kalifornien […]

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